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Gesundheitsversorgung & Patientenströme: Hilfe am falschen Ort?

Das Angebot bestimmt am „Gesundheitsmarkt“ die Nachfrage mit und steuert die Patienten oft in die falsche Richtung. Wo und warum Menschen ein bestimmtes Angebot nutzen – Hausarzt, Facharzt oder Spitalsambulanz – war Thema eines Expertengesprächs, zu dem die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) in Linz geladen hat. Hier finden Sie den Nachbericht.

Referenten

Es gebe nur wenige valide Daten, nur einzelne Fallstudien und die wenigen Ergebnisse wiesen häufig in eine andere Richtung als die öffentliche Diskussion. Diesen starken Ruf nach intensiverer Versorgungsforschung kam von Univ.-Prof. Dr. Harald Stummer, dem Leiter des Instituts für Public Health, Versorgungsforschung und HTA an der UMIT Privatuniversität in Hall in Tirol. Dass es Handlungsbedarf gebe, zeige allein der Umstand, dass Österreich zwar bei der durchschnittlichen Zahl ärztlicher Konsultationen pro Einwohner und Jahr mit 6,5 (OECD-Schnitt 6,8) im Mittelfeld liege, bei den Spitalsentlassungen pro 1.000 Einwohner mit 249 hingegen deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 154.

Untersuchungen an der Innsbrucker Notfallambulanz haben gezeigt, dass rund 60 Prozent der Patienten keine echten Notfälle sind. Der Zugang lässt sich in drei etwa gleich große Gruppen aufteilen: Überweisungen aus dem niedergelassenem Bereich, selbstständiger Zugang zum Einholen einer Zweitmeinung und direkter Besuch zur Erstversorgung. Die wichtigsten Motive für das Aufsuchen der Notfallambulanz waren in dieser Reihenfolge: bessere Öffnungszeiten, Spezialisten mehrerer Disziplinen, bessere Diagnose und höhere medizinische Standards. Die Patienten eines Linzer Wahlarztzentrums fanden für ihren Besuch ähnliche Motive: die Qualität der Arzt-Patienten-Beziehung, die Warte- und Öffnungszeiten sowie Kompetenz und Ruf der Ärzte. 

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Stadt-Land-Gefälle

Über die „kleinräumige Versorgungsforschung“ informierte Evelyn Angerer-Mitteramskogler, MSSc, Referentin für Gesundheitsökonomie im Dachverband der österreichischen Sozialversicherung. Die kleinräumige Versorgungsforschung müsse regionale Versorgungsunterschiede beobachten und erklären sowie die Folgen dieser Unterschiede sichtbar machen. Das Ziel sei eine wohnortnahe, bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige und finanzierbare Gesundheitsversorgung.

Ein Beispiel aus der kleinräumigen Versorgungsforschung ist die Analyse der Angebotsdichte ärztlicher Leistungen im Stadt-Land-Vergleich. Dabei zeigt sich, dass die Versorgung mit Allgemeinmedizinern relativ gleichmäßig verteilt ist. Pro 100.000 Einwohner gibt es in überwiegend ländlichen Regionen 51 Allgemeinmediziner in überwiegend städtischen Regionen 46. Ein völlig anderes Bild zeigt sich bei den Fachärzten: In ländlichen Regionen gibt es durchschnittlich 57 Fachärzte pro 100.000 Einwohner, während in Städten durchschnittlich 102 Fachärzte für 100.000 Einwohner zur Verfügung stehen.

Die kleinräumige Versorgungsforschung zeigt, dass die Inanspruchnahme mit dem Angebot korreliert. Während bei den Allgemeinmedizinern die Inanspruchnahme in ländlichen Regionen etwas stärker ist, gibt es bei den Fachärzten ein deutliches Stadt-Land-Gefälle in die andere Richtung. Je städtischer eine Region ist, desto mehr werden Fachärzte in Anspruch genommen.  

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Unterschiede im Leistungsspektrum

Deutliche Unterschiede zwischen der Versorgung in städtischem Einzugsgebiet und in ländlichen Regionen konnte auch Mag. Helga Himmelbauer, Expertin im Bereich Public Health der ÖGK in Linz, feststellen. Kennzahlen aus dem Webmodul „Business Intelligence im Gesundheitswesen“ (BIG) und dem oberösterreichischen FOKO (Folgekostenanalyse) lassen den Schluss zu, dass das bessere Angebot in städtischen Regionen eine stärkere Nachfrage nach Leistungen bei Fachärzten und in Spitalsambulanzen auslöst. Das wirke sich auch auf das Leistungsspektrum der Allgemeinmediziner aus. Hausärzte in ländlichen Regionen rechnen beispielsweise deutlich mehr Infusionen, Wundnähte und Visiten ab als ihre Kollegen in den Ballungsräumen.  

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Vorsicht bei Interpretationen

Mit den Problemen bei der Dateninterpretation in der Versorgungsforschung am Beispiel von hohen Ambulanz- und Facharztfrequenzen in den Ballungsräumen hat sich Mag. Susanne Gusenbauer von der Abteilung Behandlungsökonomie der Österreichischen Gesundheitskasse in Linz beschäftigt. Sie zeigt, dass Sekundär- beziehungsweise Routinedaten in der Versorgungsforschung nur bedingt einsetzbar und dass bei Dateninterpretationen und Vergleichen jedenfalls Vorsicht geboten ist. So ergab etwa die ATHIS-Befragung 2014 für Oberösterreich, dass 24,4 Prozent der Befragten über 15 Jahren in den vergangenen zwölf Monaten in einer Spitalsambulanz in Behandlung waren. Eine FOKO-Auswertung der OÖGKK für das Jahr 2018 brachte ein ganz anderes Ergebnis. Demnach waren 45,7 Prozent aller über 15 Jahre alten Versicherten in diesem Jahr mindestens ein Mal in einer Spitalsambulanz in Behandlung. Der deutliche Unterschied lässt sich nur mit verschiedenen Interpretationen dazu erklären, was ein „Ambulanzbesuch“ ist.

Interessant ist auch die genauere Betrachtung einer anderen Zahl. In Oberösterreich haben die Ambulanz-Frequenzen zwischen 1997 und 2017 von 2.480663 auf 3.148.484 um nicht weniger als 26,92 Prozent zugenommen. Wenn man allerdings berücksichtigt, dass im selben Zeitraum auch die Zahl der OÖGKK-Anspruchsberechtigten um 23,41 Prozent gestiegen ist, bleibt bei den Spitalsambulanzen innerhalb von 20 Jahren eine „individuelle“ Nutzungssteigerung von 2,85 Prozent übrig.

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Von links: Harald Stummer, Evelyn Angerer-Mitteramskogler, Helga Himmelbauer, Susanne Gusenbauer



Zuletzt aktualisiert am 22. Januar 2020