Der Wunsch nach rascher Gewichtsreduktion ist verständlich – insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit langjähriger Diäterfahrung. Aktuell verstärken Medienberichte über Abnehmspritzen und neue „Trendprodukte“ die Erwartung, überschüssige Kilos schnell und scheinbar mühelos verlieren zu können. Aus medizinischer Sicht ist dieser Fokus jedoch problematisch. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die einer langfristigen, strukturierten und interdisziplinären Betreuung bedarf.

Wenn Gewichtsverlust zu schnell geht

Rasche Gewichtsreduktionen sind nicht per se gesund. Sie können mit Nebenwirkungen wie Muskelabbau, metabolischer Anpassung, Gallensteinbildung, orthostatischen Beschwerden und psychischer Belastung einhergehen. Zudem steigt mit der Geschwindigkeit des Gewichtsverlusts das Risiko eines ausgeprägten Rebound-Effekts nach Therapieende. Nachhaltige Effekte lassen sich nur erzielen, wenn Gewichtsreduktion mit stabilen Verhaltensänderungen und ausreichender medizinischer Begleitung einhergeht.

Langfristige Gesundheit statt schneller Erfolge

Aus Sicht der ÖGK wird Adipositas nicht als kosmetisches oder rein lebensstilbedingtes Problem verstanden, sondern als Erkrankung mit erheblicher gesundheitlicher und volkswirtschaftlicher Bedeutung. Der Versorgungsauftrag der ÖGK orientiert sich daher an langfristiger Gesundheitsstabilisierung, der Vermeidung von Folgeerkrankungen und einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität. Kurzfristige Gewichtsverluste ohne dauerhafte Verhaltensänderung spielen in diesem Verständnis eine untergeordnete Rolle.

Abnehmspritzen sind wirksam, aber kein Allheilmittel

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die zurückhaltende Haltung der ÖGK gegenüber sogenannten Abnehmspritzen. GLP-1-Rezeptoragonisten werden primär als antidiabetische Medikamente bewertet. Ihr Einsatz zur Gewichtsreduktion außerhalb einer Diabetesindikation ist derzeit nicht Teil der Regelversorgung. Eine generelle Kostenübernahme bei Adipositas ohne begleitenden Diabetes mellitus ist nicht möglich. In der Praxis bedeutet das, dass entsprechende Verordnungen meist auf Privatrezept erfolgen und Patientinnen und Patienten umfassend über Kosten, Therapiedauer und das hohe Risiko einer Gewichtszunahme nach Absetzen informiert werden müssen.

Statt auf schnelle pharmakologische Lösungen setzt die ÖGK auf konservative, multimodale Therapieansätze. Dazu zählt insbesondere die ernährungsmedizinische Betreuung mit dem Ziel einer langfristig tragfähigen Ernährungsumstellung – angepasst an individuelle Stoffwechsellagen, Begleiterkrankungen und soziale Rahmenbedingungen. Ergänzend werden bewegungstherapeutische und präventive Maßnahmen gefördert, wobei der Fokus weniger auf rascher Gewichtsabnahme als vielmehr auf dem Erhalt der Muskelmasse, der Verbesserung der metabolischen Gesundheit und der kardiovaskulären Leistungsfähigkeit liegt.

Psychosoziale Faktoren nicht unterschätzen

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Berücksichtigung psychosozialer Einflussfaktoren. Essverhalten ist häufig eng mit Stress, emotionalen Belastungen und psychischen Erkrankungen verknüpft. Verhaltensmedizinische und psychotherapeutische Interventionen sind daher ein zentraler Bestandteil einer erfolgreichen Adipositastherapie und entscheiden oft darüber, ob eine Gewichtsreduktion langfristig stabil bleibt oder in einen erneuten Gewichtszuwachs mündet.

Die ÖGK bietet ein umfangreiches Präventionsprogramm, das Personen dabei hilft ihr Körpergewicht langfristig zu reduzieren: Alle Infos dazu auf der Seite  „Leichter leben – Blutwerte und Körpergewicht im Griff“ . 

Der kostenlose und mehrwöchige Kurs bietet interessierten Versicherten eine langfristige Umstellung auf eine geschmackvolle Ernährung und eine Gewichtsreduktion zur Verbesserung der Blutzuckerwerte. Das Programm hilft bei der Vorbeugung von Diabetes und sowie Herz-Kreislauferkrankungen und soll möglichst verhindern, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. In einer Gruppe von Gleichgesinnten wird zudem Freude an Bewegung im Alltag vermittelt. 

Die Rolle der Mediziner*innen

Für Ärztinnen und Ärzte ergibt sich daraus eine besondere Verantwortung. Sie bewegen sich im Spannungsfeld zwischen berechtigten Erwartungen der Patientinnen und Patienten, medizinischem Fortschritt und den Rahmenbedingungen der solidarisch finanzierten Gesundheitsversorgung. Abnehmspritzen und neue Trendprodukte sollten nicht als erster, sondern als letzter therapeutischer Schritt innerhalb eines umfassenden, individuell abgestimmten Behandlungskonzepts verstanden werden.

Adipositas lässt sich nicht „weginjizieren“. Nachhaltige Therapie bedeutet Zeit, Struktur und kontinuierliche Begleitung. Der Fokus auf schnelle Erfolge greift zu kurz. Prävention, multimodale Behandlung und realistische Zielsetzungen bleiben der Schlüssel zu langfristiger Gesundheit.

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