Für diesen innovativen Ansatz wurde sie kürzlich mit dem Forschungspreis der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) ausgezeichnet. Im Interview spricht sie darüber, wie das Projekt mithilfe einer digitalen App ein leitliniengerechtes Mental-Health-Screening für Jugendliche mit Typ-1-Diabetes ermöglicht, Versorgungslücken schließt und psychische Gesundheit als zentralen Faktor für den Therapieerfolg stärker in die Routineversorgung integriert.



Frau Dr.in Berger, für Ihr Projekt „SCREEN-the-Teen“ wurden Sie mit dem ÖDG-Forschungspreis ausgezeichnet. Können Sie kurz skizzieren, worum es dabei geht?

Bei „SCREEN-the-Teen“ handelt es sich um den innovativen Einsatz einer App für ein leitliniengerechtes Mental-Health-Screening bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes, das direkt in die Diabetes-Routineversorgung integriert wird. 

Psychische Belastungen beeinflussen den Therapieerfolg maßgeblich, bleiben aber im Versorgungsalltag oft unentdeckt. Was muss sich ändern?

Typ-1-Diabetes erfordert eine aufwendige und komplexe Therapie mit Insulin. Wenn es durch psychische Belastungen schwerfällt, die Therapie im Alltag korrekt umzusetzen, hat das besonders bei Diabetes dramatische Folgen. Vergessen oder Fehler bei der Insulingabe können zu bedrohlichen Entgleisungen oder schweren Unterzuckerungen führen. Langfristig zu Folgeerkrankungen bei Niere, Herz und Augen, was nicht nur die Betroffenen, sondern auch unser Gesundheitssystem enorm belastet.

Aus Studien weiß man, dass Jugendliche mit Diabetes ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für psychische Begleiterkrankungen wie z. B. Depression, Angststörungen oder Essstörungen haben. In der medizinischen Betreuung liegt der Fokus auf Parametern wie Blutzuckerverlauf, Gewicht, Blutdruck und Blutfetten. Daher werden Mental-Heath-Probleme ohne Screening häufig nicht erkannt. Die große Rolle, die mentale Gesundheit für die Umsetzung der aufwendigen Diabetestherapie im Alltag spielt, muss aber ebenso Beachtung finden, um den Therapieerfolg bei Diabetes zu verbessern.

Worin liegt aus Ihrer Sicht der größte Mehrwert des Projektes „SCREEN the Teen“ für die Versorgung von Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes?

Der Einsatz der App ermöglicht ein flächendeckendes Mental-Health-Screening für Jugendliche mit Diabetes. Durch die App kann auch dann gescreent werden, wenn gerade kein psychologisches Personal anwesend ist.

Jugendliche können in der Wartezeit auf den Ambulanztermin die App selbstständig nützen. In einem gestuften Verfahren werden psychische Belastungen oder diabetesbezogener Stress systematisch erfasst. Die Ergebnisse werden dem medizinischen Team sofort auf einem digitalen Dashboard angezeigt, sodass auffällige Befunde bereits während des Ambulanzbesuchs besprochen werden können.

Zudem ist das digitale Format für Jugendliche besonders ansprechend und weniger stigmatisierend als herkömmliche Papierfragebögen, was die Akzeptanz des Screenings erhöhen soll. 

Ihre App ermöglicht ein Screening auch ohne direkt verfügbare Psycholog*innen. Wie verändert das die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die klinischen Entscheidungen im Diabetes-Team?

Der Einsatz der App ermöglicht es, Jugendliche frühzeitig zu identifizieren, die eine psychologische Abklärung benötigen. Das ersetzt nicht die Zusammenarbeit mit der Klinischen Psychologie in der Diabetesbetreuung, ermöglicht aber eine fokussiertere Zuweisung mit mehr Klarheit in der Fragestellung.

In der Praxis ist das auch für mich als Ärztin wichtig: Wenn ich weiß, dass psychologische Belastungen primär für die Probleme mit der Stoffwechseleinstellung verantwortlich sind, kann ich die richtigen therapeutischen Schritte in die Wege leiten - nämlich eine Behandlung der Mental-Health-Probleme.

Das ÖGK-Projekt wird gemeinsam mit mehreren Universitäten und Kliniken umgesetzt. Wie wichtig sind solche interdisziplinären und institutionsübergreifenden Kooperationen für innovative Versorgungsforschung?

Diese Kooperationen sind entscheidend, um klinische Erfahrung, wissenschaftliche Expertise und technisches Know-how zu vereinen. Unser Projektteam besteht aus Ärztinnen bzw. Ärzten und Psychologinnen bzw. Psychologen verschiedener Zentren, die gemeinsam aus validierten psychologischen Instrumenten ein geeignetes Screening zusammengestellt und dieses in einer App technisch umgesetzt haben. Das bildet die Basis für einen späteren österreichweiten Roll-out.

Welche Voraussetzungen müssen aus Ihrer Sicht erfüllt sein, damit digitale Screening-Modelle nachhaltig in die Regelversorgung integriert werden können?

Wenn im Screening Belastungen identifiziert werden, muss auch gehandelt werden. Es müssen Versorgungsstrukturen bzw. Behandlungswege für Jugendliche mit Diabetes und Mental-Health-Problemen etabliert werden, wo die Betroffenen dann weiterführende Diagnostik und bei Bedarf auch Therapie erhalten. Es braucht dafür ein ausreichendes und zeitnahes Angebot und eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen ärztlichen und psychologischen Betreuungsstrukturen.

Ein wichtiger Schritt zur Erweiterung des Angebotes ist z. B. der bereits 2024 etablierte Lehrgang „Psychodiabetologie“ vom Berufsverband Österreichischer Psychologen.

Langfristig ist auch die Erweiterung auf zusätzliche Sprachen wichtig, um Barrieren für Patientinnen und Patienten mit geringen Deutschkenntnissen abzubauen.

Sie verbinden im ÖGK-Gesundheitszentrum Floridsdorf wissenschaftliche Forschung mit der täglichen Versorgung junger Patient*innen. Welche Vorteile bietet dieses Umfeld für die Entwicklung und Umsetzung neuer Versorgungskonzepte?

Mit meiner Tätigkeit im Gesundheitszentrum sehe ich jeden Tag die Chancen und die Hürden der Gesundheitsversorgung im öffentlichen Bereich. Herausforderungen im Alltag der Patientinnen- und Patientenversorgung motivieren mich, Lösungen zu suchen. Durch meinen wissenschaftlichen Hintergrund, weiß ich, dass neue Herangehensweisen evaluiert werden müssen, um sie auf Basis der Erkenntnisse weiterentwickeln zu können.

So ist auch „SCREEN the Teen“ entstanden: Da im Gesundheitszentrum vor Ort keine Klinische Psychologie verfügbar ist, habe ich nach einem Weg gesucht, um den Jugendlichen ein niederschwelliges und einfaches Mental-Health-Screening anbieten zu können. Alle Jugendlichen nützen Handys. Daher war eine digitale Lösung naheliegend.

Sie sind auch in das Gesundheitsprogramm „Enorm in Form“ eingebunden. Dieses Betreuungsangebot der ÖGK wendet sich an Kinder mit Übergewicht und Adipositas im Alter von sechs bis 14 Jahren. Welche Parallelen sehen Sie zwischen diesem Programm und „SCREEN-the-Teen“ in Bezug auf ganzheitliche, leitliniengerechte Versorgung?

Auch bei Adipositas handelt es sich um eine chronische Erkrankung, wo psychologische Faktoren eine wesentliche Rolle spielen. Das wissenschaftlich begleitete medizinische Adipositas-Therapie-Programm „Enorm in Form“ setzt die multidisziplinäre Herangehensweise in der Behandlung chronischer Erkrankungen bereits leitliniengerecht um. Psychologische Diagnostik ist Bestandteil des „Enorm in Form“-Programmes und bildet die Basis für die begleitende Psychotherapie.

Mit Blick in die Zukunft: Welche Veränderungen braucht das Gesundheitssystem, damit psychosoziale Aspekte bei Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen dauerhaft stärker berücksichtigt werden?

Mehr Bewusstsein für die Rolle psychologischer Faktoren im Krankheitsverlauf chronischer Erkrankungen, Fokus auf frühes Erkennen von Mental-Health-Problemen, ein klarer Therapiepfad mit kurzen Wartezeiten, Fortbildung der medizinischen und psychologischen Fachkräfte. Aber auch unsere Gesellschaft ist hier gefragt: Es braucht eine Reduktion von Stigmatisierung bei Mental-Health-Problemen – das kann gelingen durch die selbstverständliche Einbeziehung des Themas psychische Gesundheit in die Gesundheitsversorgung.

Welche Botschaft möchten Sie Kolleg*innen im Gesundheitssystem mitgeben, die digitalen Lösungen noch skeptisch gegenüberstehen?

Mit diesem Projekt setzen wir einen wichtigen Schritt in Richtung Digitalisierung, indem wir Abläufe einfacher und effizienter gestalten. Trotzdem ist medizinisches und psychologisches Personal nicht digital ersetzbar, der menschliche Kontakt bleibt unverzichtbar in der Betreuung von Patientinnen und Patienten.