Wie kann Digitalisierung das Gesundheitswesen spürbar verbessern? Sarah Drescher, seit Oktober 2025 Leiterin des Handlungsfelds Digitalisierung im Projekt „ÖGK 2030“, gibt Einblicke in ihre Vision: von KI und Data Analytics über die Weiterentwicklung der Meine-ÖGK-App bis hin zu Telemedizin und Entlastung für Ärztinnen und Ärzte. Ein Interview über Chancen, Trends und Herausforderungen auf dem Weg zu modernen, patientenzentrierten Services.
Pionierin des Monats
Das Projekt der Österreichischen Gesundheitskasse „ÖGK 2030“ befasst sich ganzheitlich mit Digitalisierung im Gesundheitswesen. Seit Oktober 2025 leitet Sarah Drescher das Handlungsfeld, das sich damit befasst, sowohl Vertragspartnerinnen und Vertragspartnern als auch deren Patientinnen und Patienten ein optimales Serviceerlebnis zu bieten. In den vergangenen Jahren unterstützte Drescher bereits bei Digitalisierungs- und Fusionsprojekten. Speziell im Bereich der Versorgung konnte sie wertvolle Erfahrung sammeln.
Frau Drescher, Digitalisierung ist ein großer Begriff, was genau bedeutet er für Sie?
Digitalisierung ist für mich kein Selbstzweck. Sie soll dort ansetzen, wo sie uns wirklich weiterbringt – sei es durch bessere Prozesse, neue Impulse von außen oder spürbare Entlastung im Alltag. Wichtig ist, dass wir dabei immer den Mehrwert für Nutzerinnen und Nutzer im Auge behalten. So können wir uns weiterentwickeln und moderne und zeitgemäße Services für unsere Kundengruppen sicherstellen.
Welche Technologien oder Tools halten Sie im Gesundheitswesen zukünftig als besonders relevant?
Besonders relevant sind meiner Einschätzung nach Data Analytics und KI, um Versorgungs- und Nutzungstrends zu prognostizieren und daraus personalisierte Leistungs- und Serviceangebote abzuleiten und entsprechend anzubieten. Ergänzend sind Self-Service-Portale und unsere Meine ÖGK-App entscheidend, um einen einfachen, sicheren und ortsunabhängigen Zugang zu unseren Leistungen zu ermöglichen. Neben dem zukünftigen Abrufen der e-card in der Meine ÖGK-App arbeiten wir aktuell an einem telemedizinischen Angebot, das es uns ermöglicht, Patientinnen und Patienten noch besser durch das Gesundheitssystem zu lotsen. Wir möchten digitale Lösungen bieten, die sich nahtlos in ihren Alltag integrieren – personalisiert, jederzeit und überall zugänglich. Die App wird dabei zur zentralen Drehscheibe für eine effektive Patientinnen- und Patientenlenkung. Dabei setzen wir auch auf den Ausbau der Terminbuchungsmöglichkeiten innerhalb der App, damit unsere Versicherten unkompliziert Termine bei unseren Vertragspartnerinnen und Vertragspartnern vereinbaren können.
Wovon profitieren Ärztinnen und Ärzte mit Kassenvertrag?
Im Bereich der Vertragspartnerinnen und Vertragspartner gilt es, die Administration in den Ordinationen zu erleichtern und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass wir strukturierte Daten zur Bearbeitung erhalten. Das ermöglicht es uns, Prozesse zu automatisieren und die Bearbeitung zu beschleunigen. In diesem Zusammenhang prüfen wir auch, inwiefern das bestehende Gesundheitspartner-Portal künftig noch zielführender als Plattform für die digitale Kommunikation mit unseren Vertragspartnerinnen und Vertragspartnern eingesetzt werden kann.
Welche Trends und Entwicklungen im Bereich Digitalisierung beobachten Sie aktuell besonders genau?
Aktuell beobachte ich besonders die Entwicklung patientenzentrierter, individualisierter und mobiler Services, die den Zugang zu Leistungen vereinfachen. Zudem gewinnen KI und Chatbots an Bedeutung – sowohl zur Unterstützung von Serviceanfragen als auch zur Triage. Ebenfalls relevant ist der Trend zur Telemedizin, die zunehmend als fester Bestandteil der Versorgung und auch in Vertragspartner-Modellen verankert sein wird.
Wie können Kundenbedürfnisse und Marktveränderungen in die Digitalisierungsstrategie integriert werden?
Entscheidend ist eine kontinuierliche Marktbeobachtung und der Blick nach außen, um Best Practices aus anderen Gesundheitssystemen und privaten Mitbewerbern zu übernehmen. Durch Monitoring & Analytics können Kundenbedürfnisse und Trends systematisch erkannt werden und mittels agiler Projektmethoden sowie einer engen Zusammenarbeit zwischen Projekt- und Linienorganisation schnell in passenden Lösungen umgesetzt werden.
Mit welchen Herausforderungen sieht sich die ÖGK im Hinblick auf Digitalisierung konfrontiert?
Tatsächlich stellt die Digitalisierung die ÖGK sowie die öffentliche Verwaltung grundsätzlich vor mehrere Herausforderungen. Eine der größten ist sicherlich die Modernisierung der bestehenden IT-Infrastruktur. Viele Verwaltungsprozesse sind noch stark papierbasiert oder auf veralteten Systemen aufgebaut, was die Umsetzung digitaler Lösungen erschwert. Gleichzeitig bietet genau dieser Umstand die Chance, bestehende Prozesse grundlegend neu zu denken und durch innovative digitale Lösungen eine spürbare Verbesserung zu erzielen.
Ein weiteres zentrales Thema ist die Sicherstellung der Datensicherheit und des Datenschutzes. Gerade im Gesundheitssektor, wo viele sensible Daten verarbeitet werden, müssen höchste Standards eingehalten werden, um das Vertrauen in digitale Verwaltungsangebote zu gewährleisten.
Bei der Digitalisierung müssen wir zudem die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer zahlreichen Kunden-Gruppen berücksichtigen – seien es unsere Versicherten, unsere Vertragspartnerinnen bzw. Vertragspartner, die Dienstgeberinnen und Dienstgeber, andere Bereiche der öffentlichen Verwaltung oder nicht zuletzt auch unsere Mitarbeitende der ÖGK. Eine benutzerfreundliche Gestaltung digitaler Angebote, kombiniert mit kontinuierlicher Schulung und Aufklärung, ist hier entscheidend, um auch diejenigen zu erreichen, die noch nicht vollständig mit digitalen Tools vertraut sind.
Zu guter Letzt geht mit Digitalisierung auch ein kultureller Wandel einher. Die Einführung neuer digitaler Prozesse erfordert ein Umdenken und eine Bereitschaft zur Veränderung, was nicht immer einfach ist. Es braucht eine klare Vision und die Unterstützung aller Beteiligten, um die Digitalisierung nicht nur technologisch, sondern auch kulturell erfolgreich umzusetzen.