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Balance und Geschicklichkeit


Gleichgewicht – was ist das?

Didi Pflug_Foto: Leistungssport AustriaUnter “Gleichgewicht“ versteht man die Fähigkeit, den Körper im Gleichgewicht zu halten bzw. dieses während oder nach Körperverlagerungen beizubehalten oder wiederherzustellen.

„Gleichgewicht“ gehört neben Reaktion, Geschicklichkeit oder Gewandtheit zur Gruppe der “koordinativen Fähigkeiten“. Letztere benötigt man vor allem um Alltagssituationen, auf die man schnell und zielgerichtet reagieren muss, optimal zu meistern. Koordinative Fähigkeiten sind auch aus prophylaktischer Sicht, z. B. zur Vermeidung von Zusammenstößen oder Stürzen sehr wichtig. Ein gutes Gleichgewicht verbessert nicht zuletzt auch die Bewegungskontrolle.

Die Gleichgewichtsfähigkeit entwickelt sich bereits sehr früh und sollte daher schon ab dem Kleinkindalter ausreichend gefördert werden. Besonders geeignet sind alle Arten von Balancierübungen, aber auch Radfahren, Skaten oder Eislaufen. Wichtig: Fertigkeiten die bereits im Kindesalter erlernt werden, können auch lebenslang genutzt werden.

Das dynamische Gleichgewicht ist vor allem von der Funktionstüchtigkeit des Vestibularorgans (Steuerungsorgan) im Innenohr abhängig, da dieses die Bewegungen des Kopfes registriert. Diese Fähigkeit ist im Alter, auf Grund von neurologischen und durchblutungsbedingten Erkrankungen, aber vor allem auch durch Inaktivität, oftmals eingeschränkt. Inaktivität führt letztlich auch zur Verschlechterung der allgemeinen Leistungsfähigkeit, da sich der Organismus mangels entsprechender Herausforderungen nach unten nivelliert. Gezielte Belastungsreize hingegen - durch viel Bewegung im Alltag aber auch durch Training - fördern wiederum die Verbesserung der Leistungsfähigkeit und damit auch die Lebensqualität. 

Wie funktioniert das Gleichgewichtssystem?

Unser Körper hat mehrere Wahrnehmungssysteme, deren Informationen in Gehirn und Rückenmark zusammenlaufen. Sie sind letztlich die Grundlage der Gleichgewichtsfähigkeit.

Ein typisches Wahrnehmungssystem ist unser Auge. Es informiert uns z. B. über die Stellung des Körpers im Raum. Wichtig dabei ist das Erkennen des Horizontes und die Unterscheidung von “oben” und “unten”. Wie bedeutend unsere Augen für das Gleichgewicht sind, kann man selbst leicht testen. Man schließt die Augen und sofort wird der Stand deutlich unsicher. Auch das Gehen fällt sofort wesentlich schwerer. Unsicherheit tritt auf.

Ein anderes Wahrnehmungssystem ist das Gleichgewichtsorgan im Innenohr. Es informiert über Drehbewegungen und Beschleunigungen des Körpers. Ein Gefühl, das man z. B. im Aufzug verspüren kann, wenn er rasch nach oben beschleunigt. Ein anderes Beispiel wäre die plötzliche Lageveränderung beim Aufstehen oder man dreht sich ein paar Mal um die eigene Achse.

Das Zentralnervensystem erhält aber darüber hinaus noch viele weitere Informationen - und zwar aus den unterschiedlichsten Regionen des Körpers. Dynamische Rezeptoren wie z. B. die Propriozeptoren liefern uns Informationen über die Druckverteilung an den Fußsohlen (besonders wichtig wenn man sich auf einer unebenen Fläche bewegt). Weitere Messfühler gibt es in den Muskeln. Sie registrieren die bei Bewegungen typischen Spannungsveränderungen in der Muskulatur. Bewegungsrezeptoren gibt es auch in den Gelenken. Ihre Aufgabe ist es wiederum die Stellung und Belastung der Gelenke laufend zu registrieren, um im Bedarfsfall sofortige Gegenmaßnahmen (Schutzmechanismen) setzen zu können.

Im Zentralnervensystem (Rückenmark, Gehirn) werden schließlich alle Informationen gesammelt, verarbeitet und bei Notwendigkeit entsprechende Maßnahmen zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts gesetzt. Als typische Reaktion wird dann die Muskulatur so eingesetzt, dass wir das Gleichgewicht halten können.

Wie verändert sich das Gleichgewicht im Alter?

Beim freien Stand ist geringfügiges Wackeln auch bei jungen und gesunden Menschen durchaus normal. Diese leichten Schwankungen werden in der Regel durch entsprechende muskuläre Aktivitäten ausgeglichen und somit das Gleichgewicht wiederhergestellt.

Ältere Menschen können aber oft auf Grund körperlicher Probleme (z. B. Gelenksprobleme, aber auch Muskelschwäche) nicht mehr so rasch und effektiv gegensteuern und laufen so Gefahr das Gleichgewicht zu verlieren und zu stürzen.

Bei heftigerem Schwanken wenden jüngere und vor allem gesunde Menschen meist durch einen schnellen (Ausfall)Schritt den Sturz ab. Bei älteren Menschen kommt dieser Schritt leider oft zu spät oder die erforderliche Kraft reicht nicht aus, um einen Sturz zu verhindern. Darüber hinaus neigen ältere Menschen in solchen Situationen oft dazu durch gleichzeitiges Anspannen von Beuge- und Streckmuskulatur (kann auch durch Angst ausgelöst werden) zu verkrampfen. Dies beeinflusst die Beweglichkeit zusätzlich negativ und steigert somit die Sturzgefahr.

Neben der altersbedingten Abnahme der Sehfähigkeit kann auch eine verlangsamte Übermittlung der Wahrnehmung (z. B. des Untergrunds) für das schlechtere Gleichgewicht verantwortlich sein. Oft ist auch die geschwächte Muskulatur einfach nicht mehr in der Lage, den Körper im Gleichgewicht zu halten.

Ein mangelhaftes Gleichgewicht im Alter ist aber oft auch bloß die Folge eines eher passiven Lebensstils. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die auch im Alter noch sehr aktiv sind, wesentlich seltener Probleme mit dem Gleichgewicht bekommen als jene, die sich unzureichend bewegen. Ein regelmäßiges Gleichgewichtstraining ist daher - altersunabhängig - unbedingt ratsam.

1. Merke: Die Gleichgewichtsfähigkeit ist - genauso wie Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit – lebenslang trainierbar.

Warum sollen wir unser Gleichgewicht trainieren?

Spätestens wenn wir bei alltäglichen Aufgaben ins Schwanken geraten oder uns unsicher fühlen, sollten wir mit einem Gleichgewichtstraining beginnen. Völlig falsch wäre es, wenn man versucht wegen dieser Unsicherheit alle möglichen Situationen zu vermeiden, in denen das Gleichgewicht gefordert werden könnte. Dies wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein „Teufelskreis“ - denn der Körper würde sich - mangels adäquater Reize - sehr rasch daran gewöhnen keine Gegenmaßnahmen setzen zu müssen. Die sowieso schon mangelhafte Gleichgewichtsfähigkeit würde sich daher noch weiter verschlechtern.

Eine sinnvolle Ergänzung zum Gleichgewichtstraining ist übrigens ein gezieltes Krafttraining, denn schließlich soll ja die Muskulatur die Ausgleichbewegungen ausführen. Aus der Sicht des Gleichgewichts ist dabei besonders das Training der Beinmuskulatur und der Rumpfmuskulatur wichtig. Günstig ist es Kraft- und Gleichgewichtsübungen zu kombinieren.

Gleichgewicht kann und soll auch vorbeugend trainiert werden. Man muss nicht warten bis die ersten Probleme entstehen.

2. Merke: „Unsere Muskulatur ist unser lebendiges Gleichgewicht!“

Autor: 

Dipl.Sportlehrer Didi Pflug
Leistungssport Austria 
Abteilung Breiten- und Gesundheitssport 
Bewegungsexperte 

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Zuletzt aktualisiert am 28. Oktober 2021